Architektur, Nachhaltigkeit und Minimalismus

ShabbyShabbyApartment: AU-House, Team: ALN

Wir bauen uns die Welt, so wie sie uns gefällt

Ein Erfahrungsbericht zur Realisierung.

Eine kalte Februarnacht. Ein verspäteter Flug von Berlin nach München. Die aktuelle SZ.

Ein unscheinbarer Artikel über eine „Aktion gegen Wohnungsnot“ im trauten München weckt die Neugier zweier übermüdeter Architekten – eine Idee ist geboren.

Einige Wochen und viele Skizzen später steht das Konzept, die Online-Abstimmung läuft und siehe da: Team ALN wird auserkoren, mit seinem Entwurf des goldenen Hauses eines von 24 ShabbyShabby-Apartments zum gleichnamigen Wettbewerb in München zu realisieren.

Die Freude darüber ist natürlich groß, doch die Umsetzung liegt zunächst in weiter Ferne – und so ziehen die Wochen ins Land, ehe die Realisierungsaufgabe zur Realität und das Shabby-Motto zum Abenteuer werden.

Eigentlich – so der Plan der Münchner Organisatoren – sollten alle Teams eine Woche lang im Herzen der bayerischen Hauptstadt gemeinsam campen, sich kennenlernen und im Rahmen eines amüsanten Beisammenseins direkt neben der temporären Behausung die Shabby-Apartments umsetzten.

Natürlich kam es anders. Alle Versuche sich im Vorfeld die Projektwoche im September freizuhalten scheiterten: unverschiebbare Termine und unvermeidbare Deadlines häuften sich und vermeintlich kleine Ansammlungen von To-Do-Post-It’s wurden zu ellenlangen To-Do-Listen.

Doch wir wären nicht wir, hätten wir keine Lösung parat. So begannen wir bereits im August jede freie Minute unserem AU-House zu widmen. Wir sammelten Materialien, tüftelten an einigen Details und wagten letztendlich sogar eine Probemontage aller Einzelteile, um die eigentliche Umsetzungswoche in München zu entschärfen und das „Tanzen auf mehreren Hochzeiten“ zu ermöglichen.

Im Zuge dessen sagten wir schlechten Gewissens auch unsere Teilnahme am Übernachtungs-Camp ab und versprachen nur zum Schlafen nach Hause zu fahren, die heimischen Betten schienen uns doch erholsamer als ein Schlafsack am Marstallplatz.

Die Eröffnungsparty am Donnerstag vor Beginn der Projektwoche belehrte uns jedoch bereits eines besseren: hochmotiviert in München angekommen bestaunten wir das von Architekturstudenten der TU München errichtete Camp zunächst von außen, bevor wir die Schwelle zum Palazzo der Kreativität überschritten und sofort von der Magie dieses urbanen Experimentes eingesogen wurden.

Das Camp schien die Perfektion eines Shabby-Apartments zu sein: Allein der Nassbereich beanspruchte beinahe schon die Bezeichnung „Spa „. Sprinklerköpfe als Dusche, Abbruchcontainer als Wasserfälle, Gartenschläuche für Wasserspiele – und all das zu beobachten aus einer Pressholz-Sauna. Die anderen Einheiten rund um`s Kochen, Essen und Schlafen waren nicht minder beeindruckend, so dass wir nach einer ausführlichen Erkundung der Anlage ernstzunehmende Zweifel hatten an unserer Entscheidung, keine Bewohner zu werden. Das leckere Essen, die schmackhaften Getränke sowie die multikulturellen Bekanntschaften des restlichen Abends legten für uns den Geist des Projekts in Vollendung dar und ließen uns mit einem weinenden aber auch einem euphorisch lachendem Auge zu später Stunde den Heimweg antreten.

Der Aufbau des Apartments begann für uns am darauffolgenden Montagmorgen. Die Erinnerungen an den charmanten Eröffnungsabend waren noch lebendig, die Autofahrt amüsant und das Wetter gnädig mit uns. Angenehme 16°C und Sonnenschein waren die Grundlage dafür, zunächst den Ort des Geschehens intensiv zu studieren.

Platziert auf einer vierspurigen Tunneleinfahrt und umringt von 8 weiteren Fahrspuren bot die auserwählte Verkehrsinsel gegenüber des Prinz-Carl-Palais nicht nur einen hervorragenden Ausblick auf die davor positionierte Fontäne und das benachbarte Haus der Kunst, unsere Verkehrsinsel entpuppte sich auch als prädestinierter Beobachtungspunkt um stündlich neue Rekorde in Sachen „Porsche-Aufkommen“ aufzustellen. Es war nicht zu leugnen: wir waren in München, im Herzen des hart umkämpfen Wohnungsraumes, an der Spitze des Immobilienmarktes und der Reichtum zeigte sich schamlos und obszön.

So begannen wir an jenem Montagmorgen inmitten dieses urbanen Wahnsinns mit der Verwirklichung unseres goldenen Low-Budget-Hauses. Die ersten Stunden verflogen und seitens der Passanten ernteten wir vorwiegend nur irritierte Blicke. Je mehr unser Entwurf Gestalt annahm, desto mehr fühlten wir uns wie Darsteller in einer Freiluft-Theaterinszenierung: den Höhepunkt erreichte die Darbietung zunächst um die Mittagsstunde des ersten Tages, als wir uns eine Pause von den handwerklichen Tätigkeiten gönnten, welche für uns als „Büromenschen“ so gar nicht normal waren.

Zu viert saßen wir auf der fertigen Bodenkonstruktion, umgeben von drei use-what-you-find-Außenwänden und genossen den bereits erwähnten Ausblick auf das Prinz-Carl-Palais. Die sonst vorbeigehenden Passanten blieben nun stehen und beobachteten uns beim Verzehr der Brotzeit. Sichtlich angestrengt versuchten sie sich auszumalen, welchem Zweck diese als Kunstaktion anmutende Szene unterlag.

Da sich noch niemand traute uns anzusprechen nutzten wir die Gelegenheit um unsererseits die Vorbeiziehenden zu betrachten. Das waren sie also, Menschen, die hier leben, Menschen die diese Stadt lebendig und lebenswert machen. Wir fingen an uns zu fragen, woher sie wohl kommen und wohin sie gehen. Wo sie wohnen, wo sie arbeiten, wo sie leben. Und während wir so ungeniert mitten auf einer Verkehrsinsel im Lehel Brotzeit machten, beschlich uns die Vermutung, dass die angespannte Immobiliensituation möglicherweise alles aus der Stadt jagt was wir eigentlich so sehr an ihr lieben.

Dies war der Moment, als aus unserem Entwurf, der Idee und der Konstruktion eine Mission wurde: wir wollten allem trotzen und uns die Welt so bauen, wie sie uns gefällt. Hier, mitten in München, auf einem Grünstreifen zwischen all den vorbeirauschenden Porsche. Und besonders die goldene Rettungsdecke, deren Verwendung zwar immer klar jedoch nur theoretisch ersonnen war, gewann an immenser Bedeutung. Auch wenn Wohnraum kein Luxus sondern Notwendigkeit ist – ein bisschen Luxus muss sein und „a bisserl was geht immer“.

Wir hatten nun nicht einfach mehr einen Traum vom Stadtleben, uns war bewusst, dass jeder Zentimeter in München hart umkämpft ist. Der öffentliche Raum glich einem Abenteuer und wir wollten die Grenze zwischen diesem öffentlichen und dem privaten Raum ausreizen.

Mit jeder Schraube wuchs nicht nur die Konstruktion, unsere Akkuschrauber-Fähigkeiten verbesserten sich stetig und auch die Passanten wurden zunehmend mutiger. Nachdem immer mehr die Nachfrage nach dem Sinn und Zweck der Aktion wagten, konnten wir ein erstes Stimmungsbild erkennen. Einige hatten davon gehört oder gelesen, viele fanden die Idee belustigend. Wir erläuterten unseren Entwurf von einer Unterkunft die fast nichts kostet, erbaut mit so vielen gebrauchten Ressourcen wie nur möglich, die eine neue Version von Gemeinschaftlichkeit im öffentlichen Raum darstellen soll. Dass so wenig städtische Fläche wie möglich verbraucht werden soll fanden alle gut, auch das Anschließen an die urbane Infrastruktur konnten sich viele vorstellen. Nur die Sache mit der Nachtruhe, da kamen einige Zweifel auf. Nicht zuletzt wegen des benachbarten Nachtclubs P1 und dem nahendem Oktoberfest prophezeiten die Vorbeiziehenden unserem AU-House ein urbanes Schlaferlebnis zu werden.

Abendliche Krisensitzungen zusammen mit anderen Architekten und Statikern aufgrund kniffeliger Verbindungen und Verstärkungen zeigten nicht nur die unbändige Hilfsbereitschaft aller Beteiligten. Das Erlebnis, direkt am Ort des Geschehens, in Angesicht der Tatsache gemeinsam in einer kreativen Runde nach Lösungen zu suchen entpuppte sich als wahre Inspiration und produktive Ergebnisquelle. So wurden im Schein der Straßen- und Tunnelbeleuchtung einige Ertüchtigungsvorschläge ausgearbeitet und ganz nebenbei das nächtliche München begutachtet. Die unterschiedlichen Lichtfarben der Straßen- und Tunnelbeleuchtung, der Auto-, Fahrrad- und Joggerleuchten tauchten den Verkehrsknotenpunkt in eine Art anthropogenes Farbspektakel.

In diesem einzigartigen Lichtspiel konnte man sich mit Kreativität und Vorstellungskraft schnell die außergewöhnlichsten Schlafplätze ausmalen. Formen, Farben und Schatten veränderten die Wirkung der Umgebung grundlegend – wie sich später zeigen sollte verwandelte sich unser goldener Unterschlupf in diesem stimmungsvollen Licht zum goldenen Schlösschen.

Die folgenden Tage verbrachten wir mit statischen Ertüchtigungen, amüsanten Passantengesprächen und vielen Spaziergängen zum Camp am Marstallplatz. Dort holten wir uns Rat und Material und genossen die gemeinsamen Stunden in der Hochburg des hippen Outdoor-Livings mit Gleichgesinnten aus aller Welt.

Der letzte Schritt zur Fertigstellung der Konstruktion umfasste neben dem Einsatz der Plexiglasscheibe die Installation der goldenen Folie. Dabei musste die Befestigungsstrategie der Rettungsdecke zu Gunsten der Ästhetik mehrmals geändert werden, ehe die finale Version stand. Unsere zuvor im Trockenen erdachten Fixierungsmethoden erwiesen sich in der Praxis als schwer umsetzbar, eine Alternativlösung war jedoch schnell gefunden. Sobald das letzte Stück Folie ergänzt war, offenbarte das Gesamtbild, dass aus unserem Entwurf, unserer Mission ein kostbarer Schatz in Mitten des städtischen Trubels geworden war. Ausgestattet mit Vorhängen, Matratzen und einer Campingdusche wurde es schnell zum Hotspot der Verkehrsinsel: aus Passanten wurden Besucher und gemeinsam sind wir nun wohl in unzähligen touristischen Fotographien verewigt, die im Vorbeifahren aus dem Bus heraus geschossen wurden.

Stolz betrachteten wir unser Werk und sinnierten über den Werdegang: von der Idee, den Skizzen, über den Entwurf bis zum Aufbau – und alles aus eigener Hand. Sicherlich bietet die Unterkunft nicht den gängigen Komfort, aber sie ist ein Statement zur aktuellen Immobiliensituation. Die Apartments bieten keine Lösung für die Probleme des Wohnungsmarktes, aber sie bieten eine Bühne für Fragen: wie möchten wir in der Stadt leben? Wie können wir uns einbringen? Wie können wir dem Ort etwas Schönes, Bezahlbares, Gutes geben? Ein Impuls zur Mitgestaltung der Stadt.

Der finale Abschluss dieses Projekts war die gemeinsame Besichtigung aller 24 Apartments und der Austausch mit den anderen Teams über das Erlebte der vergangenen Tage. Die Abschlussparty im Camp verwickelte uns augenblicklich wieder in diese kreative und künstlerische Stimmung und bot den perfekten Rahmen für die Verabschiedung von der hervorragenden Organisation, den wunderbaren Teams und dem allgegenwärtigen Geist der Projektwoche.

Natürlich testeten wir unser Apartment bevor wir die Menschheit darauf los gelassen haben – die Prophezeiung der Passanten erfüllte sich und es wurde keine erholsame Nacht. Doch das musste sie auch gar nicht sein: mit viel kindlicher Vorstellungskraft wurde aus den Fahrspuren ein buntes Marktplatztreiben, aus dem Grünstreifen ein ausgedehnter Park und aus dem Unterschlupf ein modernes Schlösschen. Trunkene Feierwütige wichen in den Hintergrund, das Zelt-Feeling wurde übertüncht von der so viel größeren Vision für Städte wie München und die morgendliche Dusche vor dem Prinz-Carl-Palais entschädigte sowieso alle vermeintlichen Unannehmlichkeiten.

Auf das Wesentliche konzentriert, bot das Projekt der ShabbyShabby-Apartments einige großartige Chancen für uns. Wir erlebten viele Überraschungen vor Ort beim „selber machen“, haben Erfahrungen hinsichtlich Umsetzung und Ausführung gesammelt und konnten neue Perspektiven zum planerischen Alltag im Büro erfahren. Unsere Überlegungen zur Situation vor Ort haben sich bewahrheitet oder sich als sogar noch ernster und intensiver herauskristallisiert. Wir haben einen temporären, abenteuerlichen Schlafplatz im öffentlichen Raum geschaffen und sind begeistert von den Apartments unserer Kollegen. Aus der Aufgabe, unseren Entwurf umzusetzen wurde ein Abenteuer im urbanen Umfeld: im Eigenversuch konnten wir testen, wie nahe man der Stadt kommen kann, worauf man verzichten kann und wie ernst die Lage zur Wohnungsnot tatsächlich ist.

Verfasst von Gabrijela Obert
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